Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zu Gründonnerstag 2023

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6. April 2023 - St. Sebastianus, Sinzig - Bad Bodendorf

1. Zuletzt

  • Ein Schüler berichtete mir von seiner Angst, seine Eltern zu verlieren. Wie er darauf kam, weiß ich nicht. Der Krieg und die Krisen hinterlassen bei einer ganzen Generation Angst. Vielleicht hat er über einen Fall gelesen und gehört, dass Kinder zu Waisen wurden. Das hat die Angst ausgelöst.
  • Natürlich kann ich ihm sagen: Es ist statistisch unwahrscheinlich, dass ausgerechnet deine Eltern bei einem Unfall zu Tode kommen. Statistisch unwahrscheinlich. Aber es kommt vor.
  • Daher habe ich ihn gefragt: Und wenn es so wäre, wenn du es jetzt schon wüsstest: Was würdest Du dann tun? Nach einigem Nachdenken sagte er: Er wolle sich ganz viel Zeit nehmen, mit seinen Eltern zusammen zu sein.

2. Brot

  • Das ist, was das Johannesevangelium von Jesus berichtet. Am letzten Abend haben seine Jünger viel Zeit mit ihm verbracht. Auch wenn die Jünger nicht wussten, dass es der letzte Abend war, so ahnten sie es wohl. Und Jesus schien klar gesehen zu haben, dass die Autoritäten in Jerusalem es nicht zulassen würden, dass er am Paschafest noch lebt.
    So verbringen sie Zeit miteinander und halten ein Mahl. Es ist das letzte Abendmahl vor Jesu Tod. Das Johannesevangelium berichtet von langen Gesprächen und von dem großen Gebet zum Vater, das Jesus für sie spricht und für alle, die durch sie zum Glauben kommen würden.
  • Doch der Kern des Abends, in dem alles wie im Brennglas zusammengefasst ist, sind zwei rituelle Handlungen, die Jesus sehr bewusst gestaltet. Wie ein jüdischer Hausvater nimmt er das Brot und nimmt er den Kelch des Segens. Das Brot nimmt Jesus als Zeichen, durch das er selbst bleibend die Mitte dieser Gemeinschaft sein will: Sein Leib, gebrochen zu seinem Gedächtnis. So ist es von frühester Zeit überliefert.
  • Und Johannes, der an anderer Stelle ausführlich über das Brot des Lebens sprich (Joh 6), macht durch die Erzählung von der Fußwaschung deutlich, was das bedeutet. Das Brot zu seinem Gedächtnis brechen, damit er selbst gegenwärtig wird. Das bedeutet: Sich von Gott "dienen" zu lassen, es zulassen dass Gott mich berührt. Und zugleich: Einander dienen, wie er seinen Jüngern gedient hat. Auch wenn es heute keine Hausdiener mehr gibt, die den Herrschaften und ihren Gästen die Füße waschen, so ist die Bedeutung dessen, was Jesus tut, ganz eindeutig. "Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe."

3. Bund

  • Damit ist der Höhepunkt vorbereitet. Jesus "nahm den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut". Was bislang für das ganze Volk Israel im Tempel geschieht, geschieht jetzt in der Gemeinschaft der Zwölf und aller, die durch sie zum Glauben kommen. Ganz Israel ist gemeint und alle Menschen bis an die Enden der Erde. Überall feiern Christen wie wir heute diesen Bund, diese Gemeinschaft, dieses Testament, durch das Christus gegenwärtig ist.
  • Aber so wie der Alte Bund auf das engste mit den Zehn Geboten und der Forderung nach Gerechtigkeit verbunden war, so ist auch der Neue Bund auf das engste verbunden mit dem, was Jesus getan hat: Seiner Haltung, wo Menschen nicht von oben herab über einander herrschen und bestimmen, sondern dienen. Dort ist die wahre Kirche, wo in dieser Weise gedient wird – und wo dies nicht geschieht, verkünden Menschen nur sich selbst und nicht den HERRN. Wo wir leben und tun, was Jesus an diesem letzten Abend gesagt und getan hat, verkünden wir ihn, jeden Tag, bis er kommt in Herrlichkeit.
  • Die Eltern des Schülers, von dem ich erzählt habe, sind nicht Jesus. Ich weiß auch nicht, ob ihnen der christliche Glaube etwas bedeutet. Ich habe zum Glück nicht gehört, dass ihr Kind zum Waisen geworden wäre. Aber ob die Familie Zeit miteinander verbracht hat? Ich wünsche es ihr, dass jede gemeinsame Stunde so wertvoll ist, als wäre es der letzte gemeinsame Abend.
    Ich wünsche uns, dass die Zeit, die wir zusammen haben, wie der letzte Abend Jesu nach vorne weist: Auf das, wer wir sein wollen, wie wir leben wollen, was wir durch unser Leben verkünden wollen, wozu wir getauft sind in dem Neuen Bund. Dass die Zeit heute Abend mit Jesus uns hilft, in ihm zu bleiben und er in uns. Als wäre es die letzte gemeinsame Stunde. Dann vermag dieser Bund stärker zu sein als die Angst, die uns überkommen mag.