Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 24. Sonntag im Lesejahr C 2016 (Lukas)

11. September 2016 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Nähe

  • Jesus hat Anlass, eines ganz klar zu machen: Gott ist nicht bemüht, sich den Menschen möglichst vom Leib zu halten, sondern im Gegenteil: Gott ist auf der Suche nach dem Menschen. Das ist schon die Erfahrung des ganzen Alten Testamentes. Und für das Neue Testament ist es ebenso die Grundlage. Gott liebt den Menschen.
    Es ist eines, so etwas abstrakt und theoretisch zu sagen. Es ist ein anderes, diesen Satz für sich selbst zu verstehen und zu glauben: Gott ist auf der Suche nach mir. - Und es ist dann noch einmal ein anderes, dass wir als Kirche Gottes so leben, dass es zu dieser Botschaft stimmt: Gott möchte sich den Menschen nicht vom Leib halten, sondern uns Menschen nahe sein, einem jeden von uns.
  • Jesus bildet dafür zwei Gleichnisse. Eines aus der Erfahrungswelt von Männern, eines das Frauen seiner Zeit spontan verstanden. Das erste greift ein Bild aus der Bibel auf: Dort ist Gott der gute Hirt; eines der Tiere aus der Herde ist verloren gegangen, eines von Hundert. Doch dieses eine ist wertvoll in den Augen des Hirten. Das andere Bild ist ebenfalls ganz einfach. Die Drachme, die die Frau im Haus verloren hat, hat den Wert von vielleicht gut 50 Euro. Nicht ganz viel, aber auch nicht ganz wenig, zumal für eine Frau in damaliger Zeit.
  • Beide Gleichnisse haben als Pointe sowohl die Sorgfalt und das Engagement, mit das Verlorene gesucht wird, wie die überschwängliche Freude, als es gefunden wird. Wenn dies ein Gleichnis für Gott ist, dann will Jesus damit ausdrücken: Gott ist auf der Suche nach einem jeden Menschen, und das ist für ihn eine Herzenssache, ein echtes Anliegen, hinter dem das steckt, was wir Liebe nennen. Aus Liebe möchte Gott dem Menschen nahe sein.

2. Verloren

  • Für die einen ist das schwer nachvollziehbar, weil sie nie darauf gekommen sind, dass Gott mehr sein könnte als ein theoretisches Konstrukt für Menschen, die mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft nicht zurecht kommen.
    Für die anderen ist das schwer nachvollziehbar, weil sie - ganz im Gegenteil - eine so tiefe Erfahrung der Gegenwart Gottes, seiner Schönheit und Größe haben, dass es ihnen schwer fällt zu glauben, dass der Urgrund des ganzen Universums, der Schöpfer allmächtige Herr, an ihnen Interesse haben könnte. Oder, stärker noch: sie meinen, den Ansprüchen dieses Gottes nie entsprechen zu können und seien von Gott getrennt durch den Bann der Sünde.
  • Die Schriftgelehrten, die Jesus vor Augen hat, bestärken offenbar alle, die ohnehin schon das Gefühl haben, Gott lasse sie nicht an sich ran. Den Schriftgelehrten sagt Jesus: Ihr verkörpert ein Gottesbild, nach dem Gott es darauf anlegt, möglichst hohe Hürden aufzustellen, damit ihm niemand zu nahe kommt - schon gar nicht ein sündiger Mensch. Ich aber sage euch: Gott sucht einen jeden Menschen, kein Winkel der Erde ist ihm zu fern, keiner zu dunkel, um nicht sein Licht dort hin zu bringen. Nichts hindert Gott, nicht die Sünde und nicht der Tod.
  • Denn natürlich versteht man das Ganze nur, wenn man auch erst einmal zur Kenntnis nimmt: Hier ist etwas verloren gegangen. Wir leben nicht in einer einfach heilen Welt. Vielmehr muss sich jeder von uns damit auseinander setzen, dass wir nicht unmittelbar, selbstverständlich und immer aus dem Urgrund der Welt leben, der Gottes Liebe ist.
    "Von seinem Angesichte trennt uns der Sünde Bann." Das gilt grundsätzlich für jeden, auch für die Kirche als Gemeinschaft, für jede Kultur. Es gilt auch für ein neugeborenes Kind, denn es wird in diese Welt hinein geboren, von der wir sagen müssen, dass in ihr die Sünde mächtig ist, manchmal übermächtig erscheint. Aber das ist sie nicht! Denn, das betont Jesus, Gott geht dem Verlorenen nach. Seine Freude ist es jedes Mal, wenn ein Neuanfang gelingt, wenn eine Seele nach ihm ruft, wenn wir unser Herz auch nur einen Spalt breit für ihn öffnen.

3. Suchen

  • Ich bin der festen Überzeugung: Wer sich auf die Botschaft Jesu einlässt, wird erfahren, wie sich damit etwas fundamental ändern kann. Denn wenn Gott so ist, wie ihn das Evangelium mit seinen Gleichnissen zeigt, dann ist der eigene Alltag Ort der Begegnung mit Gott, und zwar immer. Ich kann jeden Abend in zehn Minuten des stillen Gebetes auf den zurück liegenden Tag schauen. Ich kann im Rückblick auf die Stunden, die Ereignisse und die Begegnungen, Gott wahrnehmen, der mich sucht und den ich suche, der mich liebt und der mich öffnen will für diese Liebe.
  • Dieses urchristliche Gebet, im liebenden Blick auf den eigenen Alltag, kann mehr und mehr getragen sein von Dankbarkeit.
    Ich sollte dabei immer mit dem Dank beginnen. Denn dann kann ich auch das in den Blick nehmen, was ich als schmerzhaft erlebe, als trennend und lebensfeindlich - was auch immer die Ursache ist. Diese Weise, im gemeinsamen Suchen mit Gott zu beten, macht es möglich, die eigene Sünde und Schuld nicht als etwas zu erfahren, dass mich bleibend von Gott trennt. Im Gegenteil. Es kann zum Ort der neuen und erneuerten Gottesbegegnung werden.
  • Wenn wir heute im Gottesdienst Kinder taufen, dann wird ganz deutlich, worauf die Taufe zielt. Sie soll einen Raum öffnen, in dem wir Menschen Gott begegnen, ihn suchen und uns von ihm finden zu lassen, um teilzuhaben an der Freude der Engel im Himmel. Amen.