Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 24. Sonntag im Lesejahr C 2007 (Lukas)

16. September 2007 - Universitätsgottesdienst St. Ignatius, Frankfurt

1. Ein Gleichnis

  • Manches Gleichnis fristet ein Schattendasein. So das Gleichnis Jesu von der Frau und der Drachme. Es steht zusammen mit zwei anderen, inhaltlich verwandten Gleichnissen im Lukasevangelium. Alle drei handeln von der Freude darüber, das etwas oder jemand, der verloren schien, wiedergefunden wurde. Da ist das Gleichnis von dem einen Schaf, das verlorengegangen ist und das der gute Hirte, nachdem er es gefunden hat, voll Freude auf seinen Schultern nach Hause trägt. Und da ist natürlich das Gleichnis vom barmherzigen Vater und seinen beiden Söhnen. Dazwischen steht ein Gleichnis im Schatten. Aber auch es ist wert, beachtet zu werden.
  • Eine Frau besitzt gerade mal zehn Denare. Etwa 500 Euro ist ihr ganzes Vermögen. Davon muss sie leben. Davon hängt viel ab für sie. Eine der zehn Münzen - etwa 50 Euro (ein Tagesverdienst) also - hat sie in ihrem kleinen, fensterlosen Häuschen - ein Zimmer nur zum Schlafen, Essen und Leben - verlegt. Sie macht die Tür auf, dass Licht rein kommt, sie fegt die ganze Stube, um beim Klimpern die Münze zu hören - und findet sie. Daraufhin aber, das ist die Pointe, freut nicht nur sie sich, sondern lässt sie auch ihre Freundinnen teilhaben an der Freude. Ebenso herrscht auch bei Gott und seinen Engeln "Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt."
  • Das Gleichnis hat einen klaren Sinn. Er ergibt sich aus der Situation. Die Zöllner und Sünder drängen sich, um Jesus zu hören. Die Pharisäer aber, so wird es geschildert, freuen sich nicht darüber, dass Sünder zur Gemeinschaft mit Gott finden. Sie murren. Ihnen erzählt Jesus die Gleichnisse, um ihr Herz zu berühren. Wenn Gott sich über jeden einzelnen Menschen, der zurück findet zu ihm, so sehr freut, dass die Freude ansteckend ist für alle Engel, dann sollten auch wir uns dieser Freude anschließen und nicht missmutig außen vor bleiben.

2. Eine zweite, geistliche Deutung

  • Wir können uns aber auch klar machen, dass die Zöllner und Sünder ja auch dabei sind, wenn Jesus das Gleichnis erzählt. Wir können uns andere, weniger "schlimme" Zuhörer denken, am Ende vielleicht uns selbst in unserer Lebenssituation. Dann können wir uns fragen, wie diese Zöllner, wie etwa andere, wie etwa wir Jesus zugehört hätten und was Jesu Gleichnis bei uns bewirken will - oder bewirkt. Wie hören Menschen das Gleichnis, die das Gefühl haben, bei Gott keinen Platz zu haben - oder denen das gesagt wird? Auch dass ist legitime Auslegung des Evangeliums.
  • Jesus erzählt ihnen von der Sehnsucht Gottes. Er kann dabei auf Zeugnisse aus der ganzen Heiligen Schrift zurück greifen. Gott hat in seiner Liebe Sehnsucht nach dem Menschen. Gott ist Liebe und nicht Selbstgenügsamkeit. Deswegen hat er die Welt geschaffen, deswegen hat er sich ein Volk berufen, deswegen hat er sein Volk nicht verworfen als es in der Wüste murrte und sich ein goldenes Kalb goss, deswegen will Gott die Botschaft seiner Güte zu allen Menschen bringen - auch und gerade zu denen, die außen vor sind.
  • Wenn Gott eifrig sucht wie die Frau nach ihrer einen Drachme, wenn Gottes Freude über einen einzigen Menschen, der zur Gemeinschaft findet, größer ist als über alles andere, dann darf jeder sich finden lassen. Es gibt keine Situation, es gibt keine Tat, es gibt keine Lebensumstände, die es mir verbieten dürfen oder können zu beten. Ich muss nicht erst von mir aus hundertprozentig sein, um vor Gott zu treten. Im Gegenteil. Gerade dort, wo ich das Gefühl habe, so ganz und gar nicht würdig zu sein: da erklärt Gott mich für würdig vor ihn hin zu treten, zu ihm zu beten, zusammen mit anderen sein Lob zu singen, bei ihm zu sein.

3. Eine dritte Frucht des Gleichnisses

  • Ein Gleichnis Jesu lädt auch immer dazu ein, es weiter zu deuten. Nicht dass das immer der ursprünglich gemeinte Sinn gewesen sei. Aber wo Gleichnisse im Geist des Evangeliums - und nicht eines nach Behagen zusammengezimmerten Jesusbildes - meditiert werden, dort kann es weitere Frucht tragen. Deswegen möchte ich Sie ermutigen, die Gleichnisse ganz persönlich zu meditieren. Es bringt Frucht!
  • Man kann darauf kommen, in der Frau, die nach dem einen Denar sucht, sich selbst zu sehen. Was ist es dann, was ich suche? Vielleicht gebe ich mich mit 10% Schwund zufrieden, obwohl doch alle zehn Denare erst die Fülle sind? Denn auch das ist ein Grund der Freude der Engel im Himmel, dass die 99 wieder 100, dass die 9 wieder 10 und damit die Fülle sind. Bei manchem von uns ist es aber nicht das eine Prozent und sind es nicht nur zehn Prozent sondern vermutlich einiges mehr, das verloren gegangen ist von der ersten Liebe - der Liebe zu einem Partner, der Liebe zum Leben, der Liebe zu Gott.
  • Deswegen fegt die Frau ihr Haus aus. So kann die Verheißung der Freude Grund sein, mal in die dunklen Ecken der eigenen Seele hinabzusteigen und auszufegen. Statt mich damit zufrieden zu geben, dass doch alles irgendwie ganz gut läuft, könnte ich mich von der Sehnsucht Gottes anstecken lassen und nach der Fülle suchen. Dabei werde ich auf manch Verstaubtes und manch Unansehnliches in mir stoßen. Aber ich kann dabei die Fülle der Erfahrung Gottes entdecken, der sucht, was verloren ist, weil er liebt. Gott wird Teil haben lassen an seiner Freude: die Engel im Himmel ebenso wie uns. Amen.