Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 23. Sonntag im Lesejahr A 2023 (Ezechiel)

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10. September 2023 - Sinzig, St. Peter

1. Ezechiel ist out

  • Was der Prophet Ezechiel vor zweieinhalb Tausend Jahren gesagt hat, das geht so nicht mehr. Dieses Denken ist nicht nur mega-out. Es kann meines Erachtens sogar gefährlich, verletzend, schädigend sein. Denn noch bis in diese Zeit 560 vor Christus war die Vorstellung des Glaubens Israels sehr klar: Gott ist Urheber von allem. Wenn jemandem ein Unheil widerfährt, ist das Strafe Gottes. Wenn ein Land erobert wird, wenn eine Stadt zerstört wird, dann ist das gottgewirkte Strafe für Ungerechtigkeit und Götzendienst.
    Dieses Denken hatte zwar schon damals Risse und Brüche, aber Ezechiel setzt es noch voraus. Erst in den folgenden Jahrhunderten wird sich im Alten Testament der Bibel ein anderes Denken niederschlagen. Die Bibel selbst dokumentiert, dieses Hinzulernen im Glauben – und das ist der Grund, warum wir die älteren Texte weiter lesen sollten und nicht einfach als veraltet aussortieren dürfen. Denn, einen Weg müssen auch wir im Glauben gehen.
  • Diese Voraussetzung: 'Wenn die Schlimmes passiert, hast Du Schlimmes getan', ist welthistorisch verbreitet. Aber allein das macht mir klar, dass widersprochen werden muss: Erwachsene, die Kindern Gewalt antun, nutzen das Argument regelmäßig, um Kindern schlechtes Gewissen und sie damit mundtot zu machen. So manche und mancher von uns wird das kennen. Wenn für den Schutz solcher Verbrecher noch die Bibel herangezogen werden kann zeigt mir das: Wir müssen widersprechen.
  • Doch gibt es auch das umgekehrte Problem? Hat unsere Zeit und Kultur etwas von der Wehleidigkeit, die die Schuld immer nur bei anderen sieht, nicht bei sich? Übersehen wir, wie Hass, dem wir in uns Raum geben, die Luft um uns herum vergiftet? Warum denn hat es so lange gedauert, bis wir kapiert haben (oder kapieren müssen), dass mit den Naturextremen im Zuge des Klimawandels unser eigenes Verhakten auf uns zurückfällt? Oder: Wie lange hat es gedauert, bis Deutschland erkannt und anerkannt hat, das das erlittene Unrecht der Vertreibung nach dem II. Weltkrieg engstens mit den eigenen Verbrechen zusammenhängt? Und: Ist nicht so Manches, was mir im Leben auf meine Füße fällt und zerbricht, doch auch selbstverschuldet? Hätte ich es nicht kommen sehen können und rechtzeitig mein Verhalten ändern?

2. Gott warnt – um des Menschen willen

  • Ganz sollten wir uns von Ezechiel daher nicht verabschieden. Er hat sich geweigert, das Unheil, das über die Oberschicht Jerusalems hereingebrochen ist, nur den Babyloniern zuzuschreiben. Es war auch diese Schicht und dieses Volk selbst, das sich abgewandt hatte. Für Ezechiel ist es daher konsequent im Namen Gottes im Angesicht seiner Zeit über den Sünder und Tyrannen zu sagen: Wenn "er sich nicht abkehrt von seinem Weg, dann wird er seiner Sünde wegen sterben". Ezechiel hält daran fest: Gerade diese Oberschicht, die jetzt nach Babylon ins Exil verschleppt wird, hat selbst Verantwortung. Ja: Gott selbst führt das Schwert seiner Feinde gegen ein Israel, das auf Gottes Gerechtigkeit vergessen hat.
  • Dazu kommt ein zweites, das den Abschnitt aus Ezechiel 33 interessant und aktuell macht. Nicht nur der ist verantwortlich, der nicht sieht, welches Unheil aus seinem Handeln folgt. Nicht nur den trifft die Strafe Gottes, der sich an seinen Mitmenschen versündigt und seine Macht ausnutzt. Nein, auch der hat Verantwortung, dem das Amt dessen aufgetragen ist, der hätte warnen sollen.
    Ezechiel verwendet das Bild des Wächters, der vom Turm in der Mitte der Stadt den heranrückenden Feind hätte sehen sollen und davor warnen sollen: "Du Menschensohn, ich habe dich dem Haus Israel als Wächter gegeben; wenn du ein Wort aus meinem Mund hörst, musst du sie vor mir warnen." Gott straft eben nicht nur. Vielmehr tut er alles, dass es nicht zu dem Unheil der göttlichen Strafe kommt. Gott beruft Menschen inmitten des Volkes, um "vor Gott zu warnen".
  • Deswegen heißt es im Vers nach dem Abschnitt, den die Leseordnung der Kirche vorgesehen hat: "So wahr ich lebe – Spruch GOTTES, des Herrn –, ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass ein Schuldiger sich abkehrt von seinem Weg und am Leben bleibt."

3. Verantwortung tragen

  • Die bleibend aktuelle Botschaft des Propheten Ezechiel ist diese: Gott will, dass wir Menschen in Gerechtigkeit leben. Und genau dafür beruft Gott Menschen. Nicht nur damals, auch heute. Nicht nur kirchenamtliches Personal, sondern aus der Mitte des Volkes, überall da, wo einer in der Wachheit und Klarheit des Glaubens das Unrecht sieht, das zur Flut wird, die über alle hereinbricht. Wer die Strukturen der Gewalt und der Zerstörung von Leben sieht, hat von Gott her das Amt des Wächters.
    Unheil kündigt sich an, wie die Flut, die langsam aufläuft. Jedem, der das sehen kann, sagt Gott: Ich berufe dich zum Propheten. Und mehr noch: Ich nehme dich in die Pflicht, du hast Verantwortung nicht nur für Dich, sondern für dein Volk. Heute müssen wir ergänzen: Für die Menschheit und den Planeten, der uns anvertraut ist.
  • Auch wenn es jeder Christ ist, den Gott beruft, ist dieses Gotteswort natürlich in besonderer Weise an alle gerichtet, die ein Amt in der Kirche haben. Das kann man der Bibel nicht vorwerfen, dass sie die Einflussreichen vor Kritik verschont. Die Kirche hält mit der Bibel die Kritik an der kirchlichen Hierarchie wach!
  • Jesus kennt diese Tradition. Er nimmt uns daher in der Gemeinde in die Verantwortung, denjenigen unter uns zurechtzuweisen – klug, in Liebe aber auch bestimmt –, der Unrecht getan hat oder für Strukturen der Sünde verantwortlich ist. Jesus steht da ganz in der Tradition der Propheten. Mich berührt aber besonders, dass er – im heutigen Evangelium – eine weitere Verantwortung dazu fügt: Für einander zu beten. Und Jesus ist sich sicher: Der Gott der will, dass der Sünder lebt, wird echtes solches Gebet erhören.