Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 5. Sonntag der Osterzeit Lesejahr C 2004 (Johannes)

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9. Mai 2004 - Universitätsgottesdienst St. Ignatius, Frankfurt

1. Schönheit

  • Schönheit allenthalben. In unserer Weltgegend leben wir im Zeitalter der Schönheit. Das beginnt bei schönen Menschen auf Hochglanzbroschüren und hört bei den schönen Zähnen der meisten Leute nicht schon auf. Reiche Oberklassen, die sich gute Zähne, vornehme Haut und feine Kleidung leisten können, gab es auch früher. Heute ist es der Standard und wer dem Standard nicht entspricht, wird im Stadtbild schnell mal an den Rand gedrückt. Der Standard ist Schönheit.
  • Der Trend hat ganze Berufsklassen entstehen lassen: Designer für alles und jedes. Modedesigner und Produktdesigner, Grafikdesigner und Webseitendesigner. Selbst seine "personality" und den Firmenauftritt kann man sich heute designen lassen. Dem Bemühen entspricht das Bedürfnis. Die Zeit des kühlen Funktionalismus ist vorbei. Menschen wollen Schönheit.
  • Das alles soll nicht vorwurfsvoll klingen. Die Klassik hat uns nicht nur das äußere Schönheitsideal überliefert, sondern auch die Überzeugung, dass des Menschen Sinn und Seele durch Schönheit gebessert werde. Man braucht nur die Gewaltstatistik in einem alten, funktional gebauten Knast vergleichen mit einem Gefängnis, das zumindest etwas Wert auf Schönheit legt. Auch ich will lieber in einer schönen Umgebung leben, als in einer hässlichen.

2. Herrlichkeit

  • Wir müssen das im Kopf haben, wenn wir im Evangelium heute so viel von Herrlichkeit und Verherrlichen hören. Denn Herrlichkeit ist kein Wort, dessen Sinn auf der Hand liegt und mit einer spontanen Vorstellung zu verbinden wäre. Die Wörter "prachtvoll" und "herrlich" prägen am ehesten die Vorstellung von Herrlichkeit. Wenn Jesus von Gott, wie es im Evangelium heißt "verherrlicht" wird, bedeutet das, dass er schön anzuschauen ist?
  • Schon das griechische Wort, das das Evangelium verwendet, ist eine Hilfskonstruktion. "doxa" bedeutet eigentlich die Meinung, die man von etwas hat. Dass dies eine gute Meinung ist, macht die lateinische Übersetzung des Wortes deutlich: gloria: Ehre und Herrlichkeit. Wenn es aber um "verherrlicht", die Verbform von "doxa" im heutigen Evangelium geht, dann schreibt die lateinische Bibel nicht "glorificare" sondern "clarificare". Luther übersetzte entsprechend:
    "Nun ist des Menschen Sohn verkläret,
    und GOtt ist verkläret in ihm.
    Ist GOtt verkläret in ihm,
    wird ihn auch GOtt verklären in ihm selbst
    und wird ihn bald verklären.
    "
  • Das Evangelium führt uns also in die Stunde Jesu, in der ihn Gott verklärt und verherrlicht. Als mit dem Weggang des Judas die Maschinerie zu rollen beginnt, die mit dem Tod Jesu am Kreuz endet, da sieht das Johannesevangelium die Stunde der Verherrlichung. Wenn deutlich wird, dass Jesus im Begriff steht, sein Leben für seine Freunde hinzugeben, da erscheint seine Glorie, da wird er klar und durchsichtig für die, die glauben. Er erscheint in Gottes Klarheit, und Gottes Herrlichkeit erscheint zum ersten Mal so, dass wir uns nicht geblendet abwenden müssen, sondern schauen dürfen.

3. Gewicht

  • Was Jesus ist und sagt, bekommt nun Gewicht und Bedeutung. Das griechische "doxa" ist der mühsame Versuch, das hebräische Wort für Herrlichkeit (kabod) zu übersetzen. Das Wort leitet sich von "schwer" und "gewichtig" ab. Was hier als verherrlicht erscheint, ist also nicht einfach nur schön und herrlich anzuschauen. Es hat Gewicht und Bedeutung. Deswegen sitzen wir hier und schauen uns nicht irgend etwas an und hören nichts irgendwie Nettes und Schönes. Die Herrlichkeit Jesu ist bedeutend. Sie ist uns lebenswichtig.
  • Damit ist der wunde Punkt unserer schönen Welt berührt. Allzu oft hat das Design kein Gewicht. Allzu oft ist die schöne Oberfläche austauschbar. Allzu oft wird übersehen gemacht (sic!), was sich hinter dem Design verbirgt - Leere. Wer sind wir hinter unserer schönen Wohnung? Wie lange kann Schönheit erfreuen, wenn das Schöne kein Gewicht und keine Bedeutung hat?
  • Jesus bietet uns etwas von Gewicht. Jesus offenbart uns Gott für unser Leben, der uns mehr zu bieten hat als die "Macht und Herrlichkeit der Reiche dieser Erde" (Lk 4,6). In seinem Tun, in seinen Zeichen und seinen Worten, vor allem aber mit seiner Lebenshingabe und seiner Auferstehung ist uns ein Glaube angeboten, der es lohnt. Die Schönheit, um die wir uns durchaus bemühen sollen, ist dann nicht leer und beliebig, sondern ist ausgerichtet auf die größere Ehre Gottes. Amen.

Hören Sie jetzt noch einmal den Satz aus dem Evangelium:
"Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt." Er hat ein weit größeres Gewicht!