Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 3. Sonntag im Lesejahr B 2012 (1. Korintherbrief)

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22. Januar 2012 - Kleiner Michel (St. Ansgar), Hamburg

1. Dringliche Berufung

  • Von Petrus und Andreas heißte es: "Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm." Und als Jesus Jakobus und Johannes sieht, steht da wieder: "Sofort rief er sie". Nichts lässt die beiden Söhne des Zebedäus zögern, auch sie folgen Jesus nach. "Und sogleich", "Und sofort", beide Male steht im Griechischen "kai euthus". Es drängt für beide Seiten, für Jesus, der ruft, und für die Jünger, die gerufen werden.
  • Bei den Söhnen des Zebedäus wird ausdrücklich betont, dass sie ihren Vater im Bott zurück lassen (im Matthäusevangelium 4,22 noch deutlicher). Die Berufung durch Jesus mag hier unmittelbar mit einem Vater zusammenhängen; es würde erklären, warum Johannes und Jakobus so unmittelbar bereit sind, den Vater zurück zu lassen, wenn dieser eine Quelle von Gewalt in ihrer Familie gewesen wäre. Dass offensichtlich später auch die Mutter der beiden den Vater verlässt und Jesus nachfolgt (vgl. Mt 20,20) würde dazu ebenso passen wie der Name, den Jesus den beiden gegeben hat: "Donnersöhne" (Mk 3,17).
    Es war höchste Zeit, dass die Kinder ihren Vater verlassen haben. Berufung durch Jesus hat hier unmittelbar mit der Lebenssituation der Berufenen zu tun. Es entwertet eine Berufung nicht notwendig, wenn sie verbunden ist mit einer solchen Flucht aus der Abhängigkeit, wenn sich Jakobus und Johannes zugleich auf den neuen Weg einlassen.
  • Denn auch in der Botschaft Jesu schwingt Dringlichkeit mit. "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe." Dies hat so gar nichts mit einer abstrakten Geheimbotschaft über das Ende der Welt zu tun, wie sie immer wieder gerne aus Nostradamus oder irgendwelchen Maja-Kalendern herausgelesen wird. Es hat mit der Beziehung Jesu zu Gott zu tun. Von Seiten der Jünger mag es angesichts ihrer Lebenssituation heißen: 'Es reicht!'; von Seiten Jesu kommt aber dieses andere hinzu, das erst aus der Flucht aus unerträglichen Lebenssituation eine Berufung macht: "Das Reich Gottes ist nahe".

2. Zwei Boote - eine Berufung

  • Was bedeutet das nun praktisch? Sind nur die berufen, denen ihr bisheriges Leben bis zum Hals steht, die ihren Vater verlassen wollen und für die das Ende der Welt kurz bevorsteht? Dem Evangelium steht dazu ein Abschnitt aus dem Ersten Brief an die Korinther zur Seite. Auch Paulus betont: "Die Zeit ist kurz". Zugleich aber gibt er einen Hinweis, was daraus folgt.
  • Ich stelle mir vor, dass neben dem Boot des Zebedäus noch ein zweites Boot aus dem Familienbetrieb des Zebedäus lag. Auch dort sind zwei seiner Söhne. Sie erfahren keine solche Berufung, dass Jesus sie auffordert, den Vater und den Familienbetrieb zu verlassen; sie geben weder das Familienleben noch die materielle Sicherheit auf, um zölibatär und in evangelischer Armut Jesus nachzufolgen. Und dennoch gilt der Ruf Jesu auch ihnen: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe." Auch ihr Leben wird sich verändern, wenn sie sich auf ihre Berufung einlassen. Sie haben gesehen, das Jesus ihre beiden Brüder aus dem Zwang befreit hat. Sie sind nicht zu einem solchen radikalen Schritt in die Ehelosigkeit und Besitzlosigkeit berufen, und können doch um nichts weniger Jesus nachfolgen, indem sie dort, wo sie sind, anders leben. Der radikale Schnitt, in dem Jakobus und Johannes sich befreien, ist für sie ein wichtiges Zeichen, auch selbst frei zu werden.
    [Das Stück aus dem Korintherbrief steht im Zusammenhang der Überlegungen des Paulus zu Ehe und Ehelosigkeit; das Gedankenspiel mit dem zweiten Boot ist daher naheliegend.]
  • Nicht ob jemand ehelos lebt oder Besitz hat, ist entscheidend, sondern wie sie oder er sich dazu verhält. An alles, was geschaffen ist, kann sich der Mensch verlieren - und verliert dabei sich selbst und das Ziel seines Lebens. Daher rät Paulus zur einer Haltung des "als ob" im Umgang mit allem, was vergänglich ist: "Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht".

3. Die Zeit ist zu kurz, um nicht zu lieben

  • Ich verstehe jeden, dem das zunächst schizophren vorkommt. Haben und zugleich mich innerlich so dazu verhalten, als hätte man nicht, ist ein Ideal das - gelinde gesagt - nicht unmittelbar einleuchtet. Trotzdem trifft Paulus den Nerv. Wer einen kostbaren Ring erwirbt und ihn nicht mehr loslassen kann, wird sich daran verlieren. Selbst wer sich in Liebe an eine Partnerin und einen Partner so verliert, dass er die oder den anderen absolut setzt, wird dadurch diese Liebe zerstören.
  • Dabei ist die je größere Liebe gerade das Ziel der Lebenshaltung, die Paulus zu beschreiben versucht. Für ihn wie für Jesus gilt: "Die Zeit ist kurz". Das ist nicht in Kalenderjahren zu messen. Das folgt vielmehr aus der intensiven Erfahrung der Nähe Gottes, die alles andere anders erfahren lässt.
    Es ist wie in den letzten Tagen, die ich mit einem geliebten Menschen verbringen darf, dessen Ende nahe ist. Ich werde ihn in der Kürze der verbleibenden Zeit nicht weniger lieben, sondern mehr. Gerade wenn ich weiß, dass ich loslassen muss, dann betrachte ich nichts als meinen Schatz und Besitz, sondern kann lernen, die Dinge und die Menschen dieser Welt um ihrer selbst willen zu lieben.
  • Dies gilt auch und gerade dort, wo das Leben nicht einfach nur liebenswert ist. Oft genug hängen sich Menschen so sehr an ihre kleine Welt, dass sie nicht mehr in der Lage sind, aus der Distanz zu sehen, was nicht in Ordnung ist. Selbst gegenüber einem Vater, der in seiner Familie Gewalt verbreitet, gibt es oft solche Abhängigkeit. Diese Situationen sind es, die wirklich schizophren sind! Das "Haben, als ob wir nicht hätten" des Paulus dagegen kann frei legen, was wirklich liebenswert ist.
  • Dazu braucht es die verschiedenen Berufungen. Die beiden Söhne, die im prophetischen Zeichen das Boot verlassen, sind in der Gemeinschaft der Kirche ebenso wichtig, wie die beiden anderen, die an Bord bleiben, und durch das Zeichen der anderen daraus befreit werden, ihren Vater absolut zu setzen. Die Christen, die ihren Besitz aufgeben oder im Zölibat leben, können für die ganze Kirche zu einem lebendigen Zeichen werden, zur jener größeren Liebe zu finden, die darum weiß, dass die Zeit kurz und gerade deswegen liebenswert ist. Amen.