Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 26. Sonntag im Lesejahr C 2007 (Amos)

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30. September 2007 - Universitätsgottesdienst St. Ignatius, Frankfurt

1. Auf Mose und die Propheten sollen sie hören

  • Das Beispiel im Evangelium ist so sprechend, dass man darüber eine Pointe übersieht. Die Geschichte vom Reichen, der den Armen vor seiner Tür sitzen lässt, ist so sprechend, dass es selbst den meisten Kommentatoren nicht auffällt, welche Pointe im Evangelium selbst steht. Denn am Ende des Dialoges von fern zwischen dem Reichen und Abraham, beginnt der Reiche an seine reiche Verwandtschaft zu denken. Er meint, ein von den Toten Auferstandener könnte seine Sippe zur Umkehr bewegen. Da antwortet Abraham lakonisch: "Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht."
  • Dieser Schlusssatz in Jesu Beispiel verweist uns auf zweierlei. Erstens kann man Zweifel haben, ob irgend jemand "umkehrt" nur aus Angst vor der ewigen Hölle. Denn ein Glaube an die Auferstehung der Toten gab es zur Zeit der Propheten noch nicht. Dies setzte sich erst nach der Auferstehung Jesu durch. Auf Mose und die Propheten hören bedeutet also, aus diesseitigen Gründen sein Leben ändern. Und in der Tat: Würde jemand, der hier nur für sich selber leben will, dies nicht genauso im Jenseits tun? Wer hier den Ort "im Schoß Abrahams", in der Gemeinschaft ewigen Lebens, nicht sucht, der wird auch nach dem Tod in Einsamkeit sein. Gott finde ich nur in diesem Leben.
  • Zweitens hat uns Jesus damit auf die Propheten verwiesen. Der reiche Prasser und seine wohlhabenden Verwandten, haben "Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören". Das hat sich keineswegs mit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus erledigt, wenn dieser so ausdrücklich auf die Propheten verweist. Wir tun also gut daran als Christen den Propheten aufmerksam zuzuhören. Gerade in ihrer unverstellten Diesseitigkeit können sie helfen, unser Leben zu dem lebendigen Gott hinzukehren - und zu dem Lazarus vor der Tür.

2. Das Fest der Faulenzer ist vorbei

  • "Das Fest der Faulenzer ist vorbei." Diesen Satz wirft der Prophet Amos der Oberschicht vor die Füße. Wir befinden uns 750 v.Chr. im nördlichen Teil Israels. Nach dem Tod des König Salomoms hatte sich das Königreich Israel zweihundert Jahre zuvor gespalten. Jetzt im achten Jahrhundert steht das Nordreich in Samarien vor dem Ende. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Assyrer das Land erobern und die Oberschicht verschleppen. Das ist es, was Amos ausspricht. Die Ursache sieht er in den politischen und ökonomischen Umständen. Die israelische Oberschicht selbst hat das heilige Land verseucht, weil sie die Armen ausbeutet und nur den eigenen Bauch füttert.
  • Nicht der Reichtum der Oberschicht ist das Problem, sondern woher der Reichtum kommt. Gott hat, so der Glaube, sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit, um ihm Land zu geben, auf dem es leben kann in Gerechtigkeit. Gemeinschaft mit Gott erfüllt sich dort, wo Menschen auf freiem, gottgegebenen Land in Gerechtigkeit leben. Nicht erst Leben nach dem Tod, sondern das ist die Verheißung. Dafür steht Gott ein.
  • Amos ist nicht zimperlich. An einer Stelle wählt er die Form einer Totenklage, um die anzuklagen, die meinen aus dem Vollen zu leben. Wo Menschen nur noch für sich selbst und nicht mehr mit einander leben, da sind sie wie Zombies: eigentlich tot. Noch so berauschende Feste, mit unrechtem Geld finanziert, können das nicht verdecken. Die Assyrer werden ein Land zerstören, das innerlich schon tot ist.

3. Umkehr in letzter Minute

  • Warum dann noch umkehren? Wenn eh bald alles vorbei ist, kommt es darauf nun doch nicht mehr an. Andere Propheten werden später, wenn der südliche Teil Israels gegenüber den Babyloniern in die vergleichbare Situation kommt, die Strafpredigt halten in der Hoffnung, dass eine Umkehr der Mächtigen das Unheil noch abwenden kann. Amos sieht für seine Zeit keine Chance mehr. Wie sehr muss Gott ihm mit Visionen des kommenden Untergangs zugesetzt haben, dass er so ungeschminkt spricht.
  • Hundertfünfzig Jahre später, 587 v.Chr., wird das Südreich Juda erobert werden. Das babylonische Exil beginnt. Aber während vom Nordreich Samarien heute (fast) nichts mehr existiert, hat das Südreich sich im Exil erneuern können und konnte zu dem Glauben finden, der Israel bis heute trägt und erhält. Denn in Juda gab es kurz vor dem Ende doch noch Umkehr: Das Land mit dem König an der Spitze hat sich auf das besonnen, was Israels Sendung und Berufung ist und das Recht erneuert. Das konnte zwar den Untergang nicht abwenden, aber es war die Grundlage dafür, dass im babylonischen Exil diese Erneuerung so verinnerlicht wurde, dass daraus das gläubige Israel wurde. (Der Vergleich mit Polen drängt sich auf: Kurz vor der Zerstückelung durch seine Nachbarn hat sich Polen 1791 die erste demokratische Verfassung Europas gegeben. Das war wesentlich dafür, dass sich Polen im 19. Jahrhundert vor allem im Exil als Nation bilden konnte, obwohl das Land besetzt war.)
  • Deswegen: Kehrt um. Mag sein, dass das Unheil noch abzuwenden ist. Mag sein, dass das Kreuz des Exils auf Euch wartet. Aber schon das alte Israel durfte erfahren, dass aus dem Kreuz die Auferstehung wächst. Deswegen ruft das Beispiel von Lazarus und dem reichen Prasser dazu auf, in jedem Fall nicht bis morgen zu warten, sondern heute das Leben zu suchen. Die prophetische Drohung mit dem Untergang ruft nicht zum Defätismus, sondern dazu, heute die Schritte zu tun, die heute dazu führen, dass ich mein Leben nicht nur für mich lebe, sondern in Gemeinschaft mit dem Lazarus vor meiner Tür. Dieses Leben ist in Gott gelebt. Es ist ewig. Amen.