Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 2. Sonntag im Lesejahr C 2001 (1. Korintherbrief)

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14.01.2001 - khg Göttingen, Universitätskirche St. Nikolai

1. In Korinth

  • Da gab es eine Kirche in der Hafenstadt Korinth. Erst vor kurzer Zeit hatte sie der Apostel Paulus gegründet. Was den Zustrom zur neuen Kirche anbelangt, war es ein Erfolg. Was den inneren Zustand der Kirche anbelangt, weniger.
    Dabei scheint das Hauptproblem nicht gewesen zu sein, dass die neuen Christen nicht eifrig gewesen wären. Im Gegenteil. Es gab höchst eifrige Christen. Diese waren von der religiösen Erfahrung durchdrungen, hatten höchste mystische Erfahrung, konnten mit prophetischer Zunge von Gott sprechen (wenn auch mit dem Nachteil, dass nur wenige diese prophetische Rede verstehen konnten).
  • Paulus schreibt an diese Kirche seine Briefe. Wie keiner anderen Kirche muss Paulus den Korinthern die Leviten lesen, auch wenn deutlich ist, dass das Ziel seiner Briefe ist, die Menschen im Glauben zu stärken. Besonders denen, die in der Gemeinde leicht an den Rand gedrängt werden, gilt sein Zuspruch: Es gibt nicht nur einen Maßstab für herausragendes Christsein. Gott gibt den Einzelnen ganz verschiedene Gaben. Und trotz dieser Verschiedenheit ist es ein Gott.
  • Vor allem aber: Es sind Gaben von Gott. Im Religiösen gibt es keine Leistung, mit der sich die einen vor den anderen hervortun können. Die Gabe empfänglich zu sein für die Dimension Gottes, die Gabe zuzuhören und die Gabe darüber zu sprechen, die Gabe zu heilen und die Gabe Erkenntnis zu vermitteln, die Gabe einen Sinn dafür zu haben, wo andere Hilfe brauchen, die Gabe Zeit zu haben, all diese Gaben, die sich in einer Gemeinde finden, sind nicht dazu da, dass man sich damit stolz über andere erhebt. Sie sind dazu da, "damit sie anderen nützt".
    Wenn diese Gaben der Einzelnen nicht mehr den anderen nützen und nicht mehr zur Einheit der Kirche beitragen, dann ist aus dem Wein, den Gott eingeschenkt hat, unter der Hand fades Wasser geworden.

2. In Göttingen

  • Der Gemeinde in Korinth schreibt Paulus besonders über Gaben auf dem Gebiet der Mystik und der Gotteserkenntnis. In anderen Briefen zählt er - wie ich soeben - auch andere Gaben mit auf. Jede Kirche vor Ort hat ihren besonderen Charakter. Das hängt von den Menschen ab, die in ihr zusammen kommen. Die Summe der Gaben derer, die zu unserer Gemeinde gehören, das macht die Kirche hier an der Universität Göttingen aus. Was würde Paulus uns schreiben?
  • Ich habe nicht den Eindruck, dass Paulus bei uns die Übereifrigen zurecht weisen muss. Zumindest derzeit ist das nicht unser Problem. Aber er würde über die Gaben sprechen, die wir haben. Er würde jeden von uns ermuntern darauf zu achten, welche Gaben ihr oder ihm geschenkt sind. Wo liegen bei jedem die besonderen Fähigkeiten? Was ist unsere Chance als Kirche, hier, wo wir sind? Dazu gehört ja nicht nur die Gemeinde, die sich sonntags zur Messe versammelt. Dazu gehört alles, was im Rahmen der Hochschulgemeinde geschieht.
  • Um aber von dem zu sprechen, was hier Sonntag für Sonntag geschieht: Mir scheint, wir sind hier vor allem Menschen, die versuchen, die Kraft des Religiösen wieder zu entdecken. De facto geschieht das wenig experimentell, sehr traditionell. Gerade das aber ist für viele hier ein Experiment. Zu entdecken, dass durch das gemeinsame Gebet, durch das Hören, Beten und Singen etwas von dem Himmel sich auftut, der von einer technisierten Gegenwartskultur systematisch ausgeblendet wird.

3. Dass es den anderen nützt

  • Paulus würde versuchen uns zu ermutigen, jede und jeden Einzelnen von uns. Schau zu, welche Fähigkeit Gott dir geschenkt hat! Das können heraus ragende Fähigkeiten sein oder ganz einfache. Wir können es uns wiederholen:
    Die Gabe empfänglich zu sein für die Dimension Gottes, die Gabe zuzuhören und die Gabe darüber zu sprechen, die Gabe zu heilen und die Gabe Erkenntnis zu vermitteln, die Gabe einen Sinn dafür zu haben, wo andere Hilfe brauchen, die Gabe Zeit zu haben. Die Gabe zu singen, die Gabe zu lesen, die Gabe der treuen Zuverlässigkeit, die Gabe der Phantasie. Die Liste ist immer offen.
    Es gibt auch Gaben, die wir nur gemeinsam haben. Gottesdienst zu feiern gehört dazu. Mancher unter uns weiß, dass die betende Gemeinschaft Krankheiten heilen kann. Wir können das aber nur gemeinsam. Über Glaube und Gerechtigkeit öffentlich zu sprechen, auch das können wir nur gemeinsam.
  • In der Gestaltung unserer Liturgie versuchen wir, möglichst viele zu beteiligen. Singen, Lesen, Fürbitten sprechen, Gaben von Brot und Wein und die Kollekte zum Altar bringen. Das sind Kleinigkeiten. Aber durch diese Kleinigkeiten kann erfahrbar und deutlich werden, dass wir eine Kirche sind, in der Gott jedem seine Gabe schenkt. Wem die Leitung der Gemeinde anvertraut ist, wer beauftragt ist der Eucharistiefeier vorzustehen, diese beiden scheinen besonders wichtige Aufgaben zu haben. Das mag sein. Das macht aber kein Glied wichtiger als das andere. Und keines weniger wichtig.
  • Denn wie immer die Kirche der Christen hier in St. Nikolai aussehen mag. Was Paulus den Korinthern geschrieben hat, gilt auch für uns. Wir haben unsere Gaben weder um uns dahinter zu verstecken noch um sie gering zu achten. Wir haben sie, um sie einander weiter zu schenken. Denn was immer einer von uns beitragen kann zum Leben der Kirche. Es stammt mit Sicherheit von dem einen Gott. So wird vielleicht aus dem, was uns wie ordinäres Wasser vorkommt Wein. Göttlicher Wein. Amen.