Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 12. Sonntag im Lesejahr C 2004

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20. Juni 2004 - Frankfurt

1. Der Namenlose

  • Wir wissen nicht, auf wen sich die Worte aus der 1. Lesung ursprünglich bezogen haben. "Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.", heißt es dort. Für Christen, im Rückblick, kann der Text natürlich aus dem Schicksal Jesu gedeutet werden. Im ursprünglichen Zusammenhang des Buches Sacharja aber bleibt es eine gesichtslose Figur. "Sie werden bitter um ihn weinen, wie man um den Erstgeborenen weint."
  • Der fehlende Name gehört zur Botschaft des Propheten Sacharja. Denn darin liegt doch die Verheißung: Wenn Gott seinen "Geist des Mitleids und des Gebets" ausgießt, dann werden die Menschen auf den Namenlosen blicken und um ihn weinen, weil sie ihr eigenes Gesicht durch Schuld verloren haben. Gottes Geist weckt uns, den ohne Namen als einen von uns zu entdecken.
  • Ist Jesus für uns der Namenlose? Im Evangelium fragt Jesus die Jünger, für wen die Leute ihn halten. Die vielen Antworten auf die Frage nach dem Gesicht Jesu zeigen: Die Menschen schaffen es nicht, ihn in eine Schublade zu stecken. In gewisser Weise bleibt Jesus namenlos, ist er als Namenloser der Messias.

2. Nachfolge

  • Kontur bekommt das Gesicht Jesu nur in der Nachfolge. Erst im Glauben, erst in der Nachfolge, in der jeder sein eigenes Kreuz aufnimmt, kann dieser eine Mensch, der Menschensohn, für uns einen Namen bekommen. Erst wenn wir eine Beziehung zu ihm gefunden haben, werden wir mit diesem Christus sprechen können. Erst dann bekommt er für uns ein Gesicht.
  • Der Feind des Gesichtes ist die Stereotype. Menschen lieben es, andere in Schubladen zu stecken. Sie wählen aus den vielen bekannten Namen einen aus, um ihn anderen zu verpassen. Das ist eine Form, die Unübersichtlichkeit der Welt zu bewältigen. Das macht das Leben einfacher - und grausamer.
  • Denn am Anfang des Krieges steht der Gesichtsverlust der Menschen. In den Balkankriegen wie im zweiten Weltkrieg, im Holocaust wie in den vielen Völkermorden bis heute wird der andere als Feind, als Typ, als Fremdartiger klassifiziert. Erst wenn der Feind kein ihm eigenes Gesicht mehr hat, können die Soldaten und Henker auf den Weg geschickt werden.

3. Name für die Namenslosen

  • Die Faulheit zu denken ist das erste Verbrechen. Wer grob vereinfacht und pauschalisiert, mag es einfacher haben. Er wird aber dem Menschen nicht mehr gerecht, denn jeder Mensch hat seine eigene, unverwechselbare Würde. Schlimmer noch, die Faulheit zu denken und zu differenzieren, ist ein Verbrechen an Gottes Erfindungsreichtum. Sie tut so, als hätte Gott nicht selbst diese Welt in ihrer Vielfalt geschaffen und gewollt.
    Vielleicht verstehen wir das erst, wenn wir es am eigenen Leibe erfahren. Vielleicht braucht es das ganz persönliche Leiden, wenn es mir nicht gelingt, ein Image loszuwerden, das mir andere überstülpen. Wenn es uns selbst trifft, dann spüren wir sehr deutlich, wie wenig Pauschalurteile uns gerecht werden.
  • Das Entdecken des Individuellen ist immer Wirksamkeit des Geistes Gottes. Wenn Gott den "Geist des Mitleids und des Gebets ausgießt", werden die Menschen auf "den blicken, den sie durchbohrt haben" mit dem Speer ihrer vorschnellen Urteile und dem Dolch der Pauschalisierung.
  • Im Evangelium kündigt Jesus das Schicksal des Menschensohnes an. Er spricht damit von dem, was ihn selbst erwartet. Wenn er sich dabei den Menschensohn nennt, dann wird deutlich, dass er in seinem Schicksal all denen einen Namen und ein Gesicht gibt, deren Schicksal er teilt. Er zeigt damit den Weg, das Leben zu retten. Er zeigt den Weg, das immer unverwechselbare, liebenswerte und einzigartige Leben zu retten vor dem Tod, dem großen Gleichmacher. Amen.